Wonach hungert ihr?

Dieses Thema im Forum "Diskussionen" wurde erstellt von 10gradminus, 28. Juli 2017.

  1. Member

    10gradminus

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    Dabei seit 16. Juli 2017
    Gerade wenn man länger mit einer Essstörung zu kämpfen hat ist die Antwort auf das "warum?" ja nicht nur das Abnehmen. Irgendwie hat es tiefere Wurzeln, warum man hungert, frisst und erbricht, sich überisst oder in irgendeiner anderen Art und Weise durch seine Ernährungsweise schadet. Wie ist das bei euch?
    Psychologen versuchen in Modellen dieses Verlangen nach etwas anderem zu erklären, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man unsere verschiedenen Essstörungen auf so einen kleinen gemeinsamen Nenner bringen kann. Auch, weil sich bei vielen im Laufe der Zeit die Art der Essstörung verändert. Haben sich auch eure Gründe geändert oder seht ihr ein anderes Problem, als die gängigen Erklärungsversuche?
    Ich finde dazu den folgenden Link ganz interessant, vielleicht gibt das einem von euch auch noch einen anderen Blickwinkel.
    Modelle der Entstehung von Essstörungen:
     
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  2. Member

    juliemarie

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    24 Jahre alt
    Dabei seit 18. Juli 2017
    Eine ganz interessante Fragestellung und auch die Modelle finde ich nachvollziehbar und sicher häufig zutreffend. Konnte mich selbst nicht richtig einordnen aber habe ja auch nicht Psychologie studiert und Selbst-Analyse ist immer so eine Sache :D
    Bei mir haben sich die "Gründe" auch geändert. Ausschlaggebend war eine Hungerphase aus Trauer, habe mich damals zurückgezogen und eben kaum noch gegessen. Das ist dann fließend übergangen, mit der Abnahme, die ich nicht bezwecken wollte, bin ich meinem Körper gegenüber viel sensibler geworden und habe dann auch danach gestrebt, möglichst dünn zu sein und dafür anerkannt zu werden (Essstörung als soziales Phänomen?!). Heute spielt das nur noch eine geringfügige Rolle, ich glaube, dass meine Essstörung selbstzerstörerische Züge angenommen hat und mir als Strafe/Maßregelung dient. Außerdem ist auch meine Unfähigkeit mit Druck/Konflikten umgehen zu können elementar (da könnte das Ich-psychologische Modell zutreffen).

    Ganz interessant finde ich, das Modell, das besagt, dass Essstörungen durch den Überfluss entstehen. Das ist ja nichts neues aber fasziniert mich schon länger und ich habe mir in der Vergangenheit auch schon einige Reportagen dazu angesehen. Neu für mich ist die Tatsache, dass Essstörungen genetisch bedingt sein können. Finde ich aber auch plausibel, manche Menschen sind ja auch "anfälliger" für Drogen/Alkoholsucht und ähnliches. In meiner Familie finden sich vier Cousinen die eine Essstörung hatten, eine recht schwer, die anderen beiden kann ich nicht so genau beurteilen.
     
  3. Member

    10gradminus

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    Dabei seit 16. Juli 2017
    Ohja, finde das auch interessant. Wobei ich mir dann auch immer wieder sage, dass solche Veranlagungen ohne "Auslöser" auch nicht zum Vorschein kommen. Meine Mutter neigt nämlich dazu, die Gene als hinreichende Erklärung zu sehen und führt dann beispielhaft psychische Erkrankungen in meiner Familie auf.
    Ich muss auch sagen, dass ich persönlich mich in jedes Modell ein bisschen einordnen würde, aber neu war für mich die Erklärung der ES als Reaktion auf fehlende Struktur- und das trifft bei mir wirklich einen wunden Punkt. Liegt womöglich auch darin, dass ich als Kind sehr frei aufgewachsen bin, was auch große Vorteile hat, aber ich manchmal hat mir schon dieser Halt durch gewissen Grenzen und Regeln gefehlt. Und die gibt einem ja die Anorexie zur genüge, da ist klar definiert, was Erfolg und Misserfolg, gut und schlecht ist.

    Da fällt mir ein, ich habe mal das Buch "Die Fettlöserin" von Nicole Jäger gelesen. Bin von ihrer Art nicht sooo begeistert, aber sie schreibt wirklich interessante Sachen, zum Beispiel, wie sie immer versucht hat, durch Leistung Anerkennung zu bekommen, bis sie die Erfahrung gemacht hat, dass sie auch durch Krankheit Aufmerksamkeit bekommt- in Form von Mitleid. Ehrlich gesagt kommt mir das auch ziemlich bekannt vor, auch wenn es wirklich nicht erstrebenswert ist.
     
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  4. Member

    Juni

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    Also bei den Modellen wird ja so ziemlich alles grob angerissen. Da findet sicher jeder etwas. ^^

    Natürlich entsteht eine ES nicht einfach so. Ich vermute sie ist eine Reaktion auf etwas das einen psychisch belastet. Das kann bewusst oder unbewusst sein. Die Modelle listen verschiedene Möglichkeiten auf.
    Das ist tatsächlich sehr interessant. Bei mir ist die ES aufgetreten als ich von einem recht strengen und strukturierten Leben in das komplette Gegenteil geraten bin. Wobei da auch noch viele andere Sachen passiert sind, denen ich diesbezüglich größere Bedeutung beimesse.

    Das scheint mir sehr gängig unter Essgestörten (bzw. allgemein unter Menschen mit psychischen Erkrankungen) zu sein. Gerade junge Mädchen geraten da gerne in diesen Teufelskreis in dem sie dadurch nicht zu unabhängigen und fähigen Frauen heranwachsen, sondern sich sehr lange auf Systeme und Hilfestellung verlassen, die sie nicht dazu ermutigen selbstständig zu handeln und zu denken. Das finde ich gefährlich. Auch hier im WoP trifft man gelegentlich Mädels an, die seit Jahren Klinikaufenthalte absolvieren und auf verschiedene Weise betreut werden. Diese Mädels haben meist keinen richtigen Beruf erlernt und scheinen große Schwierigkeiten zu haben Verantwortungen für ihr eigens Leben zu übernehmen und für sich selbst zu sorgen. Es scheint ja anfänglich auch leichter, wenn man das arme Opfer ist, das von überall Hilfe benötigt. Ich finde das richtig schwierig und werfe den Therapieeinrichtungen vor, dass das nicht erkannt und verhindert wird. Andererseits machen diese mit genau diesen Leuten ihr Geld - warum sollten sie die Unabhängigkeit also fördern?

    Dahinter steckt sicher ein Wunsch nach Aufmerksamkeit und Fürsorge. Das kann man grundsätzlich niemanden verübeln. Schließlich wird den meisten Menschen anerzogen, dass sich andere ganz besonders um sie sorgen und Liebe zeigen, wenn sie krank sind.

    Leider ist das im wahren Leben eher hinderlich. Den meisten Leuten ist es ziemlich egal ob jemand nun krank ist. Manche zeigen Mitgefühl und kümmern sich (Familie, enge Freunde), aber auch sie werden indirekt durch diese Person belastet und mögen sie dadurch sicherlich nicht mehr.

    Problematisch wird es, wenn jemand ein gewisses Alter erreicht und immer noch denkt, dass es andere interessiert wenn man irgendwelche Störungen und Wehwehchen hat. Chef, Kollegen und Kunden erwarten eher dass man funktioniert. Schwächen kommen da nicht so gut. Man schießt sich schnell ins Aus, wenn diese bekannt sind.

    Ich wäre deshalb dafür den Betroffenen direkt und ehrlich zu begegnen und sie nicht zu sehr in Watte zu packen, damit sie aufwachen. Das klingt zwar hart, aber das Leben ist nunmal auch hart.
     
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  5. Member

    10gradminus

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    Finde das sehr wichtig, was du schreibst. Ich bin ja auch schon länger immer irgendwo in Behandlung, aber oberste Priorität hatte für mich immer, dass das nicht meinen eigentlichen, gesunden Lebensweg beeinträchtigt.
    Kenne ja noch nicht die richtige Arbeitswelt, das ist sicher nochmal ein ganz anderes Niveau als ein Studium, aber schon ich merke, dass man nun mal irgendwann Prioritäten setzten muss und sich nicht ewig vor Pflichten verstecken kann.
    Ich weiß aber auch nicht, was schief gehen muss, dass jemand so komplett aus dem eigenständigen Leben aussteigt- Eigentlich ist das doch etwas, wovon jeder mal träumt. Aber wenn man an dem Punkt angekommen ist, ist es wahrscheinlich ein noch größerer Kraftakt, aus der Spirale auszusteigen.
     
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  6. Member

    Juni

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    Dabei seit 5. Juni 2010
    Ich denke, wenn man nie eigenständig war, ist es gar nicht so schwierig da rein zu geraten. Vielleicht auch als eine Veränderung des Kindseins. Anfang bis Mitte 20 hat ja vermutlich jeder Mensch diese Phase in der er versucht sich selbst zu finden und auch versucht mit der Abnabelung vom Elternhaus klarzukommen. Man muss sich plötzlich selbst finanzieren und für die meisten ist das sicher erstmal ne schwierige Phase.

    Ich habe auch ein bisschen gebraucht um zu kapieren, dass mich keiner "retten" wird und dass ich keinen Anspruch darauf habe, dass andere mein Leben finanzieren und organisieren. Das ist ein Lernprozess. Ich habe den Eindruck, dass es gerade bei unserer Generation mit dem Studium schwierig ist. Jemand der eine Ausbildung macht und direkt Geld verdient und im Berufsleben ist, begreift das schneller. Das Studium bietet so ein bisschen eine Träumerphase in der man sich nicht festlegen muss.

    Also mal ganz allgemein gesprochen. Mir ist klar, dass das nicht für alle gilt.
     
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