Abgrenzung gesunde Kalorienrestriktion und EDNOS / OSFED

Dieses Thema im Forum "Diskussionen" wurde erstellt von Werner, 14. Juli 2018.

  1. Gast

    Werner

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    Hallo miteinander,

    Es würde mich interessieren, was eurer Meinung nach die stärksten Hinweise darauf sind, ob jemand von EDNOS respektive OSFED betroffen ist oder auf eine gesunde Weise Kalorienrestriktion praktiziert. Im Fall von Anorexie und Bulimie scheint die Abgrenzung - zumindest auf den ersten Blick - einfacher zu sein. Für Anorexie ist ja typischerweise Untergewicht erforderlich (auch wenn dieses Kriterium auf der Basis des neuen Handbuchs anscheinend nicht mehr immer strikt angewandt wird), und bei Bulimie spielen purging-Methoden wie Erbrechen, welche der größte Teil der Bevölkerung kaum praktiziert, eine bedeutende Rolle - zwar werden durchaus auch andere purging-Methoden anerkannt, wo der Übergang eher fließend ist (z.B. exzessiver Sport), aber für viele, die aus gesundheitlichen Gründen auf Kalorienrestriktion achten und denken, dass sie keine ES haben, dürfte doch relativ klar sein, dass sie nicht darunter fallen. Bei EDNOS respektive OSFED erscheint mir die Abgrenzung aber weniger klar. Damit will ich sicher nicht sagen, dass das weniger "ernsthafte" Essstörungen sind - ich habe gelesen, dass gerade EDNOS / OSFED nicht nur weit verbreitet sind, sondern wahrscheinlich auch besonders gefährlich sein können (unter anderem vielleicht auch gerade, weil es oft länger dauern kann, bis es Ernst genommen wird, weil die Merkmale nicht so eindeutig sind) - aber da es für die Abgrenzung weniger offensichtlich feststellbare Kriterien gibt, kann es vielleicht durchaus Fälle zu geben, bei denen die Abgrenzung nicht so eindeutig ist.

    Was ich mir als nicht-ES-Fall vorstelle, der damit verwechselt werden könnte, ist eine Person, die weiß, dass sie zu Übergewicht neigt, abgenommen hat und jetzt ein Gewicht im unteren Normalbereich zu halten versucht (sei es aus gesundheitlichen Überlegungen - es besteht ja kaum wirklich Konsens darüber, ob ein höheres oder tieferes Normalgewicht gesünder ist, aber es gibt durchaus auch gute Argumente für den unteren Normalbereich -, sei es, weil bei einem Gewicht am oberen Rand des Normalgewichtes der Weg zum erneuten Übergewicht kurz ist) und, um ein stabiles Gewicht im unteren Normalbereich halten zu können, darauf achten muss, weniger Kalorien zu sich zu nehmen als dies bei intuitivem Essen geschehen würde (sei dies mit Zählen von Kalorien, Bevorzugen von Nahrungsmitteln mit geringer Kaloriendichte und hoher Nährstoffdichte oder Methoden wie Intermittent Fasting). Für mich ist das nicht nur eine theoretische Frage, das beschreibt meines Erachtens meine Situation, und nachdem ich im Verlauf eines Jahres von einem BMI von 29 zu einem von 20-21 abgenommen habe, warnte mich eine Bekannte vor einer ES, was aber meines Erachtens nicht berechtigt war. Ich will aber meine persönliche Situation nicht in den Vordergrund stellen, irgendwie kommt es mir auch etwas doof vor, wenn ich als Gast zu einem Forum für ES komme und behaupte, dass ich zum Teil etwas Ähnliches wie Personen mit ES mache, aber dass es in meinem Fall "nicht gestört" sei. Ich habe auch festgestellt, dass es durchaus nicht so einfach ist, das Gewicht langfristig auf einem deutlich tieferen Niveau als ich es früher hatte, stabil zu halten, und auch wenn ich an sich denke, dass ich keine ES habe, ist das vielleicht doch nicht so offensichtlich, und eventuell könnte ich doch gefährdet sein.

    Was sind eurer Meinung nach die stärksten Hinweise darauf, dass eine Essstörung wie EDNOS / OSFED vorliegt und jemand nicht auf gesunde Weise Kalorienrestriktion betreibt? Einige denken vielleicht auch, dass man nur auf die Formulierung der Diagnosekriterien achten müsse, aber mir scheint, dass das - gerade bei EDNOS / OSFED nicht so konkret und eindeutig ist, dass leicht alles geklärt ist. Die Punkte, die mir, nachdem ich einiges zum Thema gelesen hatte, in den Sinn kommen, wären:

    - Binge eating: Es gibt zwar verschiedene Arten von EDNOS / OSFED, und es muss nicht für alle binge eating vorliegen (im neueren Manual ist außerdem BED ein separater Eintrag, was ein Hauptgrund dafür zu sein scheint, dass ein deutlich kleinerer Prozentsatz OSFED zugeordnet wird als früher EDNOS). Mein Eindruck ist aber, dass wahrscheinlich doch bei einem bedeutenden Teil der schwerwiegenden ES, welche die Kriterien für Anorexie und Bulimie eindeutig nicht erfüllen, ein Wechsel von starkem binge eating und starker Restriktion vorliegt. Ganz frei von binging-Verhalten sind wahrscheinlich nicht viele Menschen (manchmal ist es auch für Personen, die sicher keine ES haben, nicht leicht, wenn sie eine geöffnete Packung bestimmter Lebensmittel in der Nähe haben), aber in diesem Bereich kann man vielleicht doch abschätzen, ob es noch eher im "normalen" Bereich oder ein bedeutendes Problem ist.

    - Wahrnehmung des eigenen Körpers: Ein wichtiges und verbreitetes Merkmal von ES scheint zu sein, dass ein Teil der Betroffenen ihren Körper ungewöhnlich (anders als dies die meisten anderen tun) einschätzen, also z.B. auch dann, wenn sie einen normalen Körperbau haben oder gar schlank sind, denken, dass sie dick seien. Wenn jemand dagegen durchaus denkt, dass er mit einem BMI von 20 ziemlich schlank ist und auch noch einiges zunehmen könnte, ohne dick zu sein, aber das nicht will (sei es, weil das ihm ein BMI von 20 einfach besser gefällt oder weil er von gesundheitlichen Vorteilen von Kalorienrestriktion und einem tieferen Normalgewicht gelesen hat), wäre vielleicht eher kein Hinweis auf eine ES.

    - Achten auf Kalorienzahl vs Nährstoffe: Einige Leute scheinen zu denken, dass jegliche häufige Beschäftigung mit numerischen Merkmalen der aufgenommenen Nahrungsmittel ein Hinweis auf eine ES sei. Dann würden aber Personen, die CR (calorie restriction) betreiben, generell als ES-Betroffene eingestuft. Auf den meisten CR-Websites wird dagegen Wert darauf gelegt, dass sich CR von ES unterscheide, da bei CR nicht nur auf die Kalorienzahl geachtet wird, sondern vor allem auch darauf, dass man trotz relativ geringer Kalorienzahl genug von allem Makro- und Mikronährstoffen (Vitamine, Spurenelemente, essentielle Proteine, Omega-3-Fettsäuren etc.), was dann zu einer Wahl von Nahrungsmitteln mit geringer Kaloriendichte und hoher Nährstoffdichte führt. So eindeutig wie es auf einigen CR-Websites aussieht, ist die Abgrenzung wohl nicht - es gibt wahrscheinlich durchaus auch viele Personen mit ES, die neben der Kalorienzahl auch auf eine gesunde Ernährung achten -, aber tendenziell ist es vielleicht schon eher so, dass es typischer für eine ES ist, dass die Kalorienzahl Priorität hat und manchmal auch mögliche Nährstoffmängel in Kauf genommen werden und weniger, dass man bei der Verwendung von Applikationen wie Cronometer und dem Zusammenstellen des Essens zuerst die Bedingung stellt, dass man gemäß den Empfehlungen von allen Nährstoffen genügend haben muss (was ja übrigens bei einem großen Teil der Bevölkerung auch ohne ES nicht der Fall ist, viele haben leichte bis mittlere Mängel bestimmter Nährstoffe) und dann schaut, wie weit das auch bei einer geringeren Kalorienzahl eingehalten werden kann.

    Ich weiß nicht, ob ich diese Punkte vielleicht etwas einseitig ausgewählt habe (um denken zu können, dass ich keine ES habe). Vielleicht gibt es andere wichtige Hinweise und Warnsignale, an die ich nicht gedacht habe.

    Etwas, was von außen relativ leicht sichtbar ist, ist, wie schnell und wie stark jemand abgenommen hat - das war wohl auch der Grund, weshalb ich von einer Bekannten von einer ES gewarnt wurde. Es gibt zwar die verbreitete Meinung, dass es gesünder sei, nur ganz langsam abzunehmen, aber mein Eindruck, nachdem ich einiges zu dem Thema gelesen habe, ist, dass das nicht wissenschaftlich erwiesen ist und es Hinweise in beide Richtungen und somit auch Argumente für ein eher schnelles Abnehmen gibt (wobei ich insgesamt nicht unbedingt so schnell abgenommen habe, ich habe während eines Jahres ca. 28 kg abgenommen, das ist ja im Schnitt nur knapp über 0.5 kg pro Woche und somit durchaus noch in einem Bereich, den viele gesund finden, aber ich bin etwa ein Jahr drangeblieben, so dass es Bekannten, die mich nur selten sehen, vielleicht ziemlich drastisch vorkam, am Anfang, als ich noch stark übergewichtig war, ging das Abnehmen natürlich schneller, danach langsamer). Dazu wird es verschiedene Meinungen geben.

    Mein Eindruck ist, dass die Ratschläge, die Personen gegeben werden, die von ES betroffen oder gefährdet sind, meistens in eine Richtung weisen, die möglichst weit weg von einem restriktiven Verhalten führen, wobei anscheinend in Kauf genommen wird, dass in vielen Fällen eine wahrscheinliche Folge davon Übergewicht sein kann. Ein Stück weit ist das sicher nachvollziehbar, weil ES akut gefährlich sind, während stärkeres Übergewicht zwar langfristig ungesund ist und verschiedenste Gesundheitsrisiken vergrößert (Bluthochdruck und alle Folgen davon, Diabetes und vieles mehr), aber - außer in extremen Fällen - kurzfristig kaum sehr gefährlich ist. Ich nehme auch an, dass sich die Leute, welche solche Empfehlungen verfasst haben, sich das wohl auch gut überlegt haben, und für einen Teil der ES-Betroffenen sind Empfehlungen, die möglichst weit von ES-typischem Verhalten wegführen vielleicht tatsächlich das Beste. Aber ist es nicht vielleicht so, dass für einige das nicht das Geeignetste ist und eine kleinere Modifikation in die Richtung von gesünderem Verhalten besser sein könnte?

    Im Detail kenne ich die Empfehlungen natürlich nicht, da ich nie mit einer ES diagnostiziert wurde und deshalb persönlich keine solchen Empfehlungen bekam, aber es gibt ja auch Texte dazu, die man leicht findet. Mir scheint, dass von einer ES Betroffenen typischerweise empfohlen wird, überhaupt nicht mehr im Detail auf die Kalorienaufnahme zu achten, also auch nicht z.B. zu versuchen, eher ein tieferes Normalgewicht beizubehalten, und dass sie nichts in der Art von Kalorienzählen tun sollen. Ich weiß nicht, vielleicht ist das nötig - eine Analogie wäre vielleicht, dass man sagt (wie weit das zutrifft, weiß ich nicht), dass im Allgemeinen ehemalige Alkoholiker nicht auf gesunde Weise hin und wieder ein Glas Wein trinken können, aber vielleicht könnte es auch besser sein, ungesunde ES-Methoden nur leichter in die Richtung von gesünderen zu modifizieren, also z.B. hinzunehmen, dass jemand lieber ein tieferes als ein höheres Normalgewicht hat, und wenn es jemandem angenehmer ist, Kalorien zu zählen, das nicht nur negativ zu sehen und vielleicht nur zu raten, neben der Kalorienzahl mindestens so stark auf genügende Makro- und Mikronährstoffe zu achten und sich nicht so sehr daran zu stören, wenn man hin und wieder in einer Situation ist (wenn man Gast ist, in Restaurants), wo man die Zahlen nicht kennt?

    Mir fällt auf, dass die Literatur, die vor allem die Risiken von ES berücksichtigt, und diejenige, die vor allem die Risiken von Übergewicht und Adispositas berücksichtigt, sich gewissermaßen in völlig verschiedenen Welten bewegt. In der Literatur, die vor allem mit dem Thema ES zu tun hat, wird gemäß meinem Eindruck oft das Ideal propagiert, dass Essen ausschließlich dem Genuss dienen solle und intuitiv geschehen solle und alles, was in die Richtung von Zählen und Gedanken über Nährstoffe und die Zusammensetzung von Nahrungsmitteln geht, zu vermeiden ist. In der Literatur, die mehr mit Übergewicht und Adispositas zu tun hat - was ja einen großen Teil der Bevölkerung betrifft -, wird dagegen eher als selbstverständlich angenommen, dass dieses Ideal für einen großen Teil der Leute unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft nicht richtig funktioniert und eine gewisse bewusste Anstrengung für eine bessere Ernährung für viele sinnvoll ist.

    Ich persönlich bin an dieser Diskussion vor allem insofern interessiert, dass ich nach wie vor finde, dass es gut war, dass ich im Verlauf eines Jahres von einem BMI von 29 auf einen von 20 gekommen bin und auch längerfristig in diesem Bereich bleiben will, auch wenn das dann heißt, dass ich kontrollieren muss, weniger Kalorien zu mir zu nehmen, als dies bei intuitivem Essen geschehen würde, was dann einige Leute in die Nähe einer ES rücken. Aber es kommt mir auch seltsam vor, wenn ich mir sage, dass ich das "darf", weil ich ja mit keiner ES diagnostiziert bin, während gemäß typischen Empfehlungen alle mit einer solchen Diagnose ein solches Kontrollieren des Gewichtes und der Kalorien unbedingt vermeiden müssen. Einige müssen es vielleicht, aber vielleicht ist es auch nicht für alle notwendig.
     
  2. Newbie

    Lovis

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    Ganz kurz.....Ich denke es ist vor allem eine Frage der Gefühle.
    Wenn bestimmte Lebensmittel Dir Angst machen oder Panik auslösen....und Du sie deshalb nicht mehr isst....das wäre ein Hinweis auf ES.
    LG
    P.S. das Thema scheint Doch ja sehr zu beschäftigen:Confuzled_Emoticon_
     
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  3. Newbie

    Lovis

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    Dabei seit 9. Juli 2018
    Dich
     
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  4. Member

    Juni

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    Dabei seit 5. Juni 2010
    Hallo Werner,

    vielen Dank für deinen Beitrag zu diesem interessanten Thema.

    Ich denke, dass die psychischen Komponente hier viel ausmacht. Du scheinst die Fähigkeit zu haben, zu entscheiden wie und wieviel du isst und dann dementsprechend zu handeln.

    Wenn ich als Essgestörte das versuche, will es nicht klappen. Mein Essverhalten wird durch die Sucht gesteuert, auch wenn ich jeden Tag aufs Neue versuche dagegen anzukämpfen. Ich stecke in einem Teufelskreis in dem Versagen, Schuldgefühle und Selbsthass eine große Rolle spielen. Es macht mich fast verrückt, dass ich so etwas vermeintlich einfaches wie eine vernünftige Ernährung nicht hinbekommen kann. Schließlich steht niemand neben mir und zwingt mich physisch dazu.

    Was ist für dich "gesunde Kalorienrestriktion"? Warum muss es die geben und warum funktioniert intuitives Essen für dich nicht, um ein normales, gesundes Gewicht zu halten?

    In einer Gesellschaft wie unserer, in der alles nur einen Einkauf entfernt ist, ist es sicher auch für einen nicht essgestörten Menschen schwierig, der Versuchung von zu viel Zucker, Fett und Kohlenhydraten nicht nachzugeben - gerade wenn er eine gesunde Ernährung anstrebt. Eine gewisse Restriktion scheint also notwendig.
    Ich weiß nur nicht wie das bei gesunden Menschen funktioniert und wo die Grenzen sind. Beim 2. Stück Kuchen zum sonntäglichen Nachmittagskaffee?
    Auch bei nicht essgestörten Menschen gibt es so viele Variationen von Ernährungsweisen. So viele Einflüsse. Eine Mischung aus Erziehung, Ernährungstrends, persönliche Vorlieben, Lebensumständen und selbst angeeignetem Wissen. Das Spektrum ist doch recht groß und trotz der Unterschiede, halten viele Menschen damit ein gesundes Normalgewicht. Es gibt keine allgemein gültige, ideale Ernährungsweise.

    Ein Problem beginnt dann, wenn Zwänge und negative Gefühle mit ins Spiel kommen, wie @Lovis@Lovis es schon angesprochen hat.

    Mir stellt sich die Frage, ab wann man den Diagnosestempel denn braucht? Wenn sich jemand nicht krank fühlt und ein glückliches, erfülltes Leben führen kann in dem sich nicht alles um Essen, Gewicht und Figur dreht, besteht ja kein Handlungsbedarf.

    Im Übrigen rate ich zur Vorsicht was Ratschläge und Therapieansätze zu Essstörungen angeht. Vieles funktioniert nicht, wird schlecht umgesetzt oder hinkt ziemlich. Eine überzeugende Methode muss ich erst noch kennenlernen.

    Du hast in deinen Überlegungen die psychische Komponente komplett außer Acht gelassen. Dabei ist es das was die Essstörung letztendlich ausmacht, begünstigt und überhaupt erst entstehen lässt. Ich kenne keinen Essgestörten, der in seiner Vergangenheit nicht prägende Erlebnisse hatte, die ihn letztendlich in die Situation gebracht haben, zu versuchen, durch das Essverhalten Kontrolle zu erlangen oder bestimmten Gefühlen etwas entgegenzusetzen.

    Du hast dich offensichtlich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Warum?
     
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