Hilfe - meine Oma ist essgestört

Dieses Thema im Forum "Diskussionen" wurde erstellt von lovely, 15. August 2010.

  1. ehemaliges Mitglied

    lovely

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    Dabei seit 30. Juni 2009
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    15. August 2070



    Liebes Tagebuch,

    gestern habe ich Oma C. im Altersheim besucht. Ich hatte ihr ein Körbchen voller Delikatessen mitgebracht, dachte sie freut sich.
    Pasteten, Käse, getrocknete Früchte, französiches Baguette, Nougat und Marzipan.
    Sie nickte nur, stellte den Korb in eine Ecke. Sie rührte nichts an.
    Sie war so dünn und hager, hatte Ringe unter den Augen. Ich habe ihr gleich mal einen leckeren Kakao zubereitet. Er war warm und süß.
    Sie rührte ihn nicht an.
    Sie saß die ganze Zeit unruhig auf ihrem Sofa, fummelte an ihren Fingernägeln rum.
    Was macht Oma nur den ganzen Tag? Ihre Obstschale ist leer, Staub liegt auf einer zerfallenen Tomate.
    Sie sagt, sie sei müde. Wollte sie mich loswerden?
    Ich glaube, sie hat sich nicht gefreut, dass ich Zeit mit ihr verbringen wollte. Früher waren wir jeden Tag zusammen im Wald oder auf dem Spielplatz. Jetzt will sie nur alleine sein.
    Ihr Zimmer war dreckig, ihr Gesicht fahl und fleckig. Sie sagt, ihr wäre kalt. Sie kränkelt ein wenig.
    Draußen waren fast 30°C. Sie hatte einen Wollpulli an. Ihr Gesicht war blass.
    Oma wirkte irgendwie nervös. Sie roch auch etwas komisch, genau wie ihr Bad. Dabei stehen überall leere Raumerfrischer und Badreiniger.
    Wahrscheinlich fehlt ihr die Kraft. Immerhin ist sie schon 82!
    Komischerweise hat sie mich angelogen. Erzählt mir, dass sie mit L. & M. Mittagessen war. Als ich gegangen bin, saßen die beiden aber in der Kantine, sagten mir, sie hätten schon lange nichts mehr mit Oma gemacht..
    Wieso lügt sie mich denn an?
    Als ich noch mal in ihr Zimmer ging und sie danach fragen wollte, hatte sie abgeschlossen.
    Warum macht sie das?
    Das Radio plärrte laut, Wasser rauschte. Irgendwas röchelte komisch im Bad.
    Hab mir schon ernsthafte Sorgen gemacht, als sie schließlich doch noch öffnete.
    Sie wollte sich gerade die Haare waschen. Sie nestelte nervös an sich herum.
    Krümel hingen in ihrem Wollpulli, es roch nach einer Mischung aus Käsepizza und Apfelstrudel.
    Ich könne nicht noch mal reinkommen, sagte sie. Irgendein wichtiger Termin, keine Zeit. Wir würden uns aber bald wiedersehen.
    Sie will mich anrufen.
    Das wollte sie letztes Mal auch. Dann habe ich sie wochenlang nicht gesehen. Sie zieht sich zurück.

    Komisch nur, dass sämtliche leeren Verpackungen aus dem Präsentkorb hinter ihr verteilt lagen...


    Oma ist wirklich ziemlich verwunderlich. Die Rentner heutzutage muss man wohl nicht verstehen. Denen ist nicht mehr zu helfen.



    (Deine D. 18 Jahre)

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    -> Essgestört bis ins hohe Alter? <- Eure Meinung!
     
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  2. ehemaliges Mitglied

    Kiki

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    Dabei seit 10. August 2010
    Ich denke, dass - wie bei jeder Krankheit - das Alter keine wirklich große Rolle spielt.
    Interessant wäre nur zu wissen, ob sich die Krankheit im Spital entwickelt hat,
    oder ob sie sie schon ewig hatte.
    Denn ein Ausbruch in diesem hohen Alter wäre Statistiken zufolge ja ziemlich ungewöhnlich...
     
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  3. Gast

    Ronja

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    Ich habe früher bei einem ambulanten Pflegedienst mit betreutem Wohnen gearbeitet. Dort konnte ich öfter beobachten das die Senioren das Essen und/oder Trinken einstellen, weil sie einfach sterben wollen. So hart das vielleicht auch klingt. Für viele ist ein Leben im Altenheim nicht mehr lebenswert. Diese Leute waren teils ihr Lebenlang selbstständig und körperlich fit, nie auf Hilfe angewiesen. Viele kommen mit diesem neuen Umstand einfach nicht klar. Es gab auch eine Alkoholikerin. Sie war 85 Jahre alt. Eine Essstörung habe ich bei den Bewohnern nicht bemerkt, eher Nahrungsverweigerung im Sinne von sterben-wollen.
     
  4. ehemaliges Mitglied

    everdream

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    Dabei seit 16. Juni 2010
    Natürlich sind das Essstörungen, Ronja. Essstörungen gleich gestörtes Essverhalten. Aus welchen Gründn auch immer und Anorexie etc. als Selbstmordart ist relativ weit verbreitet.

    Ich finde das Thema sehr interssant und ich finde, man vergisst die Ältren in unserer Gesellschaft eh viel zu oft, aber ja, Essstörungn sind weit verbreitet. Manchmal ist es villeicht nur Orthorexia Nervosa oder COE, aber es ist da.
    Meine Oma zum Beispiel wiegt über 130 kg.
    Eindeutig eine ES.
    Mein Opa war seit meiner Geburt im UG und hat mehr Bier getrunken als gegessen.
    Eindeutig eine ES (und Alkoholiker)

    Ich liebe ja den Artikel hier (ist auf Englisch):
    http://www.guardian.co.uk/education/2001/jun/07/medicalscience.healthandwellbeing1
    Da er auch mal Prozentzahlen aus Unistatistiken hat.

    Das kann man eigentlich nur unterstreichen. Wie viele alte Menschen haben nichts mehr zu leben, weil WIR sie aus der Gesellschaft rausziehen. Altersheim ist das Ende zur Kommunikation mit der Außernwelt in vielen Fällen (nicht in allen) und so sieht man auch langsamer körperliche Veränderungen.
     
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  5. ehemaliges Mitglied

    Aurora

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    26 Jahre alt
    Dabei seit 14. März 2010
    Das stimmt leider...
    Meine Oma ist seit knapp zwei Jahren im Altersheim und liegt jetzt im Sterben... Sie ist auch in etwa Anfang-Mitte 80 (mir fällt ihr genaues Alter gerade nicht ein) und wird immer blasser, fahler und dünner.
    Sie kann nur noch im Bett liegen und wird mit Flüssignahrung vom Personal gefüttert, was sie nicht verweigert und essgestört ist sie auch nicht, aber Lebenswillen hat sie auch kaum noch.
    Meine Uroma hat sich kurz nach meiner Geburt mit Tabletten das Leben genommen, weil sie es rasch beenden wollte, nachdem auch ihr Mann gestorben ist. Also das zum Thema Alter und Lebenswillen...

    Ich habe ehrlich gesagt noch nie was von essgestörten Rentnern gehört, aber es ist nicht unmöglich... Es könnte sein, dass die Frau aus dem Text ihr gesamtes Leben über essgestört war oder eben dass sie, wie ihr es schon erwähnt habt, sich damit langsam von dieser Welt entfernen möchte.
    Ich glaub auch nicht, dass das Alter bei Krankheiten eine Rolle spielt.
     
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  6. ehemaliges Mitglied

    Kalley

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    Dabei seit 3. Dezember 2009
    Essstörungen bei alten Menschen sind nichts Ungewöhnliches. Altersgrenzen existieren da nicht.
    Vor ein paar Wochen erst hatte ich einen Artikel darüber gelesen, dass Essstörungen bei Senioren öfter auftreten als man es einschätzt. Weil man sich mit ihnen und ihrem Leben weniger beschäftigt, fällt es einfach nicht auf.
     
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  7. Admiss

    Marii

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    Dabei seit 20. März 2007
    Das glaub ich auch. Klar haben Essstörungen nichts mit dem Alter zu tun. Das Problem ist nur, dass es bei den Jugendlichen oft "in" ist .. Deswegen ist das auch alles in den Medien.
     
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  8. ehemaliges Mitglied

    Aurora

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    26 Jahre alt
    Dabei seit 14. März 2010
    Damit hast du auch Recht, aber ich denke, dass es bei Senioren andere Gründe als bei vielen jüngeren ES'lern hat.
    Ich glaube kaum, dass alte Menschen abnehmen wollen um am Strand im Bikini eine gute Figur zu machen ,oder um auszusehen wie ein Model...
    Bei ihnen kann man es fast schon mit ATTE vergleichen, find ich oder aber sie sind eben schon länger essgestört und kommen selbst im hohen Alter nicht mehr von ihren Essstörung los.
     
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  9. ehemaliges Mitglied

    Kalley

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    Dabei seit 3. Dezember 2009
    Das meinte ich natürlich nicht.
    Klar, sie möchten nicht abnehmen um in eine size zero zu passen oder ähnliches. Es sind Krankheiten die sich einfach schon fest verankert haben und von denen diese Menschen einfach nicht mehr loskommen.
     
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  10. Admiss

    Marii

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    1.874
    161
    Dabei seit 20. März 2007
    Ne das glaub ich auch nicht. Aber wie Kalley schon sagt, wenn du das dein Leben lang hast, dann kommst du nicht so einfach davon los. Unabhängig jetzt wie alt man ist.
     
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  11. ehemaliges Mitglied

    Aurora

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    26 Jahre alt
    Dabei seit 14. März 2010
    Es gelingt leider nur sehr wenigen Menschen von einer ES loszukommen, wobei die Körperschemastörung, das abwertende Gefühl gegenüber des eigenen Körpers und die Gedanken immer da sein werden.
    So geht es einer Freundin von mir... Sie lebt ihre ES nicht mehr aus, kotzt also nicht mehr und isst normal (eher zu viel) und sieht sich als extrem übergewichtige Frau, obwohl sie es nur nötig hätte ca. 5 kg abzunehmen... Von starkem Übergewicht kann bei ihr nicht die Rede sein, aber die Gedanken gehen nicht.
     
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  12. ehemaliges Mitglied

    Veggygirl

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    28 Jahre alt
    Dabei seit 21. August 2010
    Meine Oma starb am 31.03. diesen Jahres im Alter von fast 85 Jahren.
    Sie wog nur noch 37kg bei 170cm...
    Ihr Gewicht gind die letzten 2 jahre stetig Berg ab. Davor wog sie so um die 65kg.
    Sie hatte keinen Willen mehr, das Leben war für sie nicht mehr Lebenswert und so aß sie immer und immer weniger.
    Der Todeskampf ging trotzdem sehr, sehr lange. Hätte sie keine Blutvergiftung bekommen wäre ihr Gewicht wohl noch weiter runter gegangen.
    Essgestört war sie nie.

    GlG
     
  13. ehemaliges Mitglied

    lovely

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    Dabei seit 30. Juni 2009
    Das ist heftig Veggie...ich denke viele älterer Menschen essen aus diesem oder ähnlichen Gründen nicht mehr. Es sind prinzipiell auch Essstörunen...nur anderer Art, wie wir sie haben.

    Ich wollte mit diesem Tagebucheintrag auch zum persönlichen Nachdenken anregen. Es ist ein Eintrag aus der Zukunt. Es könnte ein Eintrag meiner/eurer Enkelin sein, die EUCH besucht hat...oder glaubt ihr selber, entweder die ES bis dahin hinter euch gelassen bzw. besiegt zu haben oder andererseits möglicherweise schon lange mit ihr kaputt gegangen (gestorben) zu sein?
     
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  14. ehemaliges Mitglied

    Kiki

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    Dabei seit 10. August 2010
    Lovely, das war also unter Anderem einer der Gründe, uns diesen interessanten Text zum Lesen zu geben.
    Dieses Vorrauschauende Denken hat mir soeben sehr zu denken gegeben...

    Um auf deine Frage zu antworten, ich habe jetzt schon Herzrasen und -rythmusstörungen...
     
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  15. ehemaliges Mitglied

    Märchenkind

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    Dabei seit 12. August 2010
    lovely

    du hast wohl recht, der Einträg könnte von einen unserer Nachkommen sein.
    Das macht Angst, dieser Gedanke, dass Menschen anzutuen.
    Ich habe Angst, so zu enden, aber keine Kraft, was dagegen zu tun.

    Und das mit der Essstörung im hohen Alter ist wohl sehr normal.
    Ich habe mal an meine Oma gedacht.
    Sie ist 77 Jahre alt und recht fit, aber auch übergewichtig.
    Sie war schon so oft in einer Kur und erzählt mit jedesmal wenn ich bei ihr bin,dass sie wieder abgenommen oder zugenommen hat.
    Mir war das irgendwie nie so bewusst, dass selbst meine Oma, so eine tolle Person, ein gestörtes Verhältnis zum Essen hat.

    Und das mit dem ATTE kann ich nur zustimmen.
    Ich habe mal ein Praktikum im Altenheim gemacht, mich lange mit einer älteren Frau unterhalten.
    Diese Frau war fit, sass aber im Rollstuhl und hatte keine Verwandtschaft mehr. Sie lebt schon seid 15 Jahren dort, und meinte, sie habe keine Lust mehr. Ich gehe davon aus, dass viele diese Gedanken dort haben, und die ein oder andere sich dafür entschieden hat, sich zu Tode zu Hungern.
     
  16. ehemaliges Mitglied

    Aurora

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    26 Jahre alt
    Dabei seit 14. März 2010
    Das hat mir eben auch sehr zu denken gegeben und es der Gedanke an die spätere Zukunft macht mir auch Angst.
    Ich hab absolut keine Ahnung wie meine Zukunft in Hinsicht auf die ES aussehen wird...
    Jedes Mal wenn ich darüber nachdenke, kann ich mir mich nie als alte Frau vorstellen - so als ob ich niemals so ein hohes Alter erreichen werde, das ist echt komisch.
    Wenn dann könnte ich mir vorstellen, dass ich meine ES vielleicht nicht mehr so aktiv leben würde, aber dass eben meine Gedanken trotzdem die ganze Zeit nur ums Essen kreisen würden und auch wenn es jetzt für mich sehr abstrus klingt, könnte ich mir vorstellen auch mal eine Kandidatin zu sein, die sich aus einer Lebensmüdigkeit heraus zu Tode hungert... Vorausgesetzt ich sterbe nicht schon früher an den Folgen meiner Lebensweise.
     
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  17. ehemaliges Mitglied

    lovely

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    Dabei seit 30. Juni 2009
    Einerseits will man ja alt (und vor allem gesund alt) werden...andererseits kann mir mir nicht vorstelllen, dauerhaft ohne ES zu sein...bzw völlig ohne ES zu sein.
    Aber eine gebrechliche Frau, die sich mit Essen vollstopft und dieses anschließend erbricht? :proana.smilie.confu
    Dieses Bild kann ich mir einfach nicht vorstellen...Gibt es solche Menschen wirklich? Ich habe irgendwie auch noch nie von so jemandem gehört *upsi*
    Was ja nicht heißen soll, dass es a) alle ESler bis dahin geschafft haben, davon loszukommen oder b) sie bis dahin gestorben sind..*sigh*
     
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  18. ehemaliges Mitglied

    Aurora

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    26 Jahre alt
    Dabei seit 14. März 2010
    Nein, das ist ja auch nicht der Fall, aber ich denke immernoch, dass man nie ganz von einer ES loskommt.
    Manche schaffen es später gesund zu leben und mit der entsprechenden Hilfe vielleicht auch normal und ausgewogen zu essen, aber die Gedanken bleiben immer, denk ich. Das Wissen der Kalorienangaben, die Angst zuzunehmen (auch wenn man sie irgendwann weitesgehend verdrängen kann) etc.

    Ich kann mir ehrlich gesagt auch keine 80-Jährige vorstellen, die kotzend über der Kloschüssel hängt, aber denke trotzdem, dass es sowas auch gibt.
     
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  19. ehemaliges Mitglied

    Märchenkind

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    Dabei seit 12. August 2010
    Aurora

    Das denke ich manchmal auch.
    Der Gedanke, dass ich jemals eine alte Frau sein werde, der ist für mich genau so real wie die Vorstellung, dass ich jemals auf einem Einhorn davon reiten werde.
     
  20. ehemaliges Mitglied

    Kiki

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    Dabei seit 10. August 2010
    Schließe mich Aurora und Märchenkind an.
     
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