Jeden Tag ein neuer Versuch

Dieses Thema im Forum "Diskussionen" wurde erstellt von Mississippi, 12. Juli 2018.

  1. Mississippi

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    Hallo :) Ich bin neu hier und möchte mich deshalb kurz vorstellen.
    Ich bin 19 Jahre alt und lebe seit ca 4,5 Jahren mit einer/mehreren Essstörungen. Angefangen hat alles mit einer Magersucht Phase, und ist schließlich ins Bulimische übergegangen. Vor einem Jahr war ich 10 Monate lang in einer stationären Klinik für Essstörungen. Vor und auch jetzt nach dem Aufenthalt bin ich in ambulanter Betreuung.
    Leider bin ich seit ein paar Wochen wieder an dem Punkt angelangt, an dem nichts mehr geht. Ich habe täglich EAs und übergebe mich 8-10 Mal am Tag. Eigentlich wäre der Zeitpunkt gekommen an dem ich mich wieder in stationäre Behandlung begeben sollte, was aber im Moment wegen der Schule usw nicht möglich ist.
    Ich bin langsam am Ende meiner Kräfte, da ich täglich wieder neu versuche, gegen die Gedanken in meinem Kopf anzukommen und endlich mal wieder einen rückfallfreien Tag zu erleben. Doch nichts klappt. Von Achtsamkeitsübungen, bis hin zu ellenlangen Skillsketten, ich schaff es einfach nicht, der Sucht nach dem Essen zu widerstehen und nicht selten kommt es auch zur Selbstverletzung.
    Nun meine Frage an euch, ob ihr vielleicht noch Strategien und Methoden kennt, einen Essanfall zu verhindern und die Anspannungszustände auszuhalten...
    Ich wäre euch sehr dankbar über eine Antwort!!
     
  2. Member

    Juni

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    Dabei seit 5. Juni 2010
    Hallo liebe Mississippi,

    schön dich kennenzulernen. *huhu*

    Klingt als wärst du in einer richtig üblen Phase. :( Schaffst du die Schule aktuell überhaupt noch? Ich erinnere mich, dass ich es in so schlimmen Phasen nicht mehr regelmässig in die Uni geschafft habe.

    Ich bin wohl die Falsche um hier gute Ratschläge zu geben, denn ich selbst stecke gerade in einer schrecklichen Phase mit täglichen Fressanfällen. Mir geht es wie dir - ich habe das Gefühl es nicht unterbinden zu können und aktuell nicht da raus zu kommen. Wie auch dein Threadtitel schon sagt, versuche ich jeden Tag auf's Neue gegenzusteuern und endlich aufzuhören. Spätestens am Abend scheitere ich kläglich und stopfe Müll in mich hinein.

    Man fühlt sich so elend dabei, derart zu versagen. Besonders wenn man es doch schon mal ne zeitlang hinbekommen hat und so gerne endlich gesund und normal essen möchte.

    Ich bin selbst so ratlos und weiß nun nicht was ich dir schreiben soll. Ich möchte dir gern helfen, ich möchte mir selbst helfen. Es scheint so allmächtig und macht das Leben unendlich viel schwerer als es sein müsste.

    Mir hilft die Gemeinschaft hier. Der täglich Austausch mit Gleichgesinnten, denen ich davon erzählen kann, statt an meiner Scham zu ersticken. Das hilft die Gedanken zu sortieren und Ursachen für die Zustände zu analysieren.

    Was mir persönlich schon geholfen hat, ist ein achtsamer Umgang mit dem Essen. Zum Beispiel habe ich mir gesunde Mahlzeiten schön angerichtet und diese für die anderen WoPies hier fotografiert. Das hat dazu geführt, dass ich mich anders mit dem Essen beschäftigt habe. Statt möglichst schnell etwas zu besorgen oder zu kochen und dass dann vor dem Fernseher in einer FA-Session runterzuschlingen, habe ich mich mit dem Essen auseinandergesetzt. Meine Gedanken gegenüber der Mahlzeit waren positiv. Ich war damit einverstanden sie zu essen, es hat sich gut angefühlt.

    Da das von der Zeit her nicht immer geht, mache ich sehr gerne Mealprep. Ich kaufe am Wochenende ein und schnippel Obst und Gemüse vor, damit sie unter der Woche im Kühlschrank zur Verfügung stehen. Ich habe bemerkt, dass es einfacher ist, etwas gesundes zu essen mit dem ich mich wohl fühle, wenn es so leicht zur Verfügung steht wie z.B. eine Tüte Chips.

    Leider habe ich beides in der letzten Zeit nicht geschafft, was sicher zu meiner aktuellen Situation beiträgt. Ich fühle mich abends immer so fürchterlich erschöpft, dass ich denke nicht die Kraft dafür zu haben. Jetzt am Wochenende will ich das wieder angehen und hoffe, dass die nächsten Tage besser werden. Denn diese Hoffnung und den Kampf will ich nie aufgeben.
     
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    Jana Monday gefällt das.
  3. Mississippi

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    Vielen Dank liebe Juni für deine liebe und so ausführliche Antwort, hab mich sehr darüber gefreut!!
    Ja, das mit der Schule klappt mal mehr mal weniger gut. Jetzt sind eh bald Ferien...
    Ich werde das mit den Obst und Gemüse Stückchen auf jeden Fall ausprobieren, ich will alles versuchen, um dem Ganzen irgendwann mal ein Ende zu setzen..
    Wie ist das denn bei dir, hast du Hilfe? Bist du in Behandlung?
    Es muss einfach einen Weg raus aus den Essanfällen geben. Ich denke das hat vielleicht auch damit zu tun, wie viel Mitgefühl man mit sich selbst hat und wie sehr man sich auch unter Druck setzt und jeden Tag fast schon zwanghaft versucht, es hinzubekommen, aber immer wieder scheitert...
    Ich werde die nächsten Tage mal versuchen, mich für die Essanfälle nicht so fertig zu machen und mich da mehr anzunehmen. Vielleicht magst du das ja auch mal ausprobieren...
    Ich glaube dass es jeder Versuch, sich gegen die Krankheit zu wehren, wert ist...
     
  4. Newbie

    Lovis

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    Dabei seit 9. Juli 2018
    Liebe Mississippi,
    Gab es denn einen Grund für Deinen Rückfall?Besonders viel Stress oder so? Und was noch viel wichtiger ist...hast Du eine Anlaufstelle? Wahrscheinlich könntest Du jetzt professionelle Hilfe brauchen. Es gibt immer einen Punkt, an dem die ES die Kontrolle übernimmt. Dann hast Du den FA nicht mehr, weil Du damit einen Spannungszustand abmilderst, sondern weil Deome ES nach einem FA verlangt. Er erfüllt dann keinen Zweck mehr sondern ist Selbstzweck.
    Das nervt total, weil man dann ja nichts mehr davon hat. Die ursprüngliche spannungslösende Wirkung gibt es nicht mehr und man fühlt sich einfach nur noch wie Dreck.
    Als meine Therapeutin mit zum ersten mal gesagt hat, ich solle mich deswegen nicht so fertig machen, war ich komplett baff. Sonst heisst es ja immer, du musst an dir arbeiten um ja nicht zu kotzen.
    Ihre Aussage hat mir so viel Druck genommen...
    Ansonsten denke ich auch, dass man jeden Tag neu beginnen sollte.
    Bitte versuche, Dich irgendwem anzuvertrauen.
    LG
     
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  5. Mississippi

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    Liebe Lovis,
    Danke für deine Antwort... Naja, der ,, Auslöser" des Rückfalls waren eigentlich eine Reihe von Ereignissen, bzw Verhaltensweisen, die mich aus der Bahn geworfen haben. Ich war im letzten Jahr zufrieden mit meinem Gewicht, weshalb ich es geschafft habe, normal zu essen. Im Februar hab ich dann angefangen die Pille zu nehmen, wegen dem nicht ganz in Takten Hormonhaushalt. Dadurch nahm ich gut 5 kg zu und bekam Panik. Wie gesagt ein paar andere Ereignisse haben auch noch mit reingespielt. Ich war überfordert mit meinen Gefühlen, und leider ist ein Rückfall im Moment eben noch die erste Methode, um mit Spannungszuständen umzugehen.
    Mein Therapeut weiß bescheid und empfiehlt mir, nochmal in stationäre Behandlung zu gehen... Wie sind da eure Erfahrungen bei einem Rückfall ? Kann man es schaffen ohne erneuten Klinikaufenthalt aus einem 6 Monate andauernden Rückfall rauszukommen? Im Moment hab ich einfach nur Angst, dass ich es niemals schaffe, aus dem Kreislauf auszubrechen. .
     
  6. Member

    Juni

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    Dabei seit 5. Juni 2010
    Nein. Ich glaube aber auch nicht an Therapie. Zumindest für mich nicht. Habe das oft genug versucht um zu wissen, dass mir das nicht helfen kann. Letztendlich ist das etwas das in einem selbst stattfindet.

    Das ist sicher ein guter Ansatz. Gerade wenn man es schaffen kann, den Druck etwas rauszunehmen.

    Darauf möchte ich fast nicht antworten. Ich selbst habe es bisher nicht dauerhaft geschafft (auch mit Klinik). Aber das hat nichts zu bedeuten. Es soll Leute geben, die es hinbekommen haben. Wenn ich eine Lösung kennen würde, würde ich sie mit dir teilen.

    Ich habe oft das Gefühl, dass ich es nicht genug will oder nicht hart genug kämpfe und mache mir selbst Vorwürfe. Ich kann nicht verstehen, dass das so schwer sein soll. Ich rede mir ein, dass ich es nur nicht richtig versucht habe. Aber auch das ist wahrscheinlich ein Trugschluss.
     
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  7. Newbie

    Lovis

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    Dabei seit 9. Juli 2018
    Na ja...Ich denke es ist eine Frage der Zeit...also wie lang man schon mit seiner ES lebt. Nach ein paar Jahren sollte man sich wohl damit abfinden, dass das Thema Essen immer schwierig sein wird und man eben mit ES leben muss. Sie kann auch ein guter Indikator sein, wenn etwas im Leben schief läuft. Die ES wird es merken. Meine Therapeutin sagt auch, dass ich nicht davon ausgehen kann, davon völlig loszukommen. Dafür läuft es viel zu lang. Das mag zwar erstmal hart klingen, nimmt aber auch unendlich viel Druck.
    @Juni@Juni ich glaube nicht, dass es etwas damit zu tun hat, dass Du nicht genug willst. Da spricht wohl Deine innere Kritikerin. Leider können wir ja unser Suchtmittel nicht einfach weglassen ( wäre dann irgendwann Anorexie ). Das macht es doch noch ein ganzes Stück schwerer. Ausserdem kommt noch erschwerend hinzu, dass Ernährung ja heutzutage immer mehr zu einer Ersatzreligion wird und irgendwie jeder eine Meinung dazu abgeben muss. Was zum Henker ist denn da noch normal.
     
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