Raus aus der Essstörung? Das große Aber

Dieses Thema im Forum "Diskussionen" wurde erstellt von Marly, 17. Mai 2019.

  1. Gast

    Marly

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    Hallo allerseits,
    ich bin heute auf euer Forum getreten und wollte gerne einen Beitrag verfassen und einfach mal anhören, was ihr dazu denkt.
    Ich bin ziemlich frisch diagnostiziert worden, haben aber schon länger vermutet dass ich unter einer Essstörung leide.
    Nun war ich einige Zeit in der Klinik ( ging nicht spezifisch um die Essstörung sondern um andere Themen) aber ich habe einfach gemerkt, dass es viele Gründe gibt um da raus zu kommen.
    Aber wenn ich darüber nachdenke kommt das große ABER!
    Aber:

    - Ich will doch abnehmen
    - Dünn sein ist so viel mehr wert
    - Man passt in alle Klamotten
    - Man kann kontrollieren wie und was man isst
    - Man hat die Kalorien im Blick
    - Man weiß wie gesund man sich ernährt hat
    etc..

    Und dann entscheide ich mich dagegen etwas zu ändern, fake meine Portionskontrollen hier Zuhause und esse weniger.
    Gerate dann aber auch in Fressattacken und merke einfach, dass das ein ziemlich beschissener Kreislauf ist.

    Nun die Frage an euch, wie denkt ihr über die Essstörung?
    Wie steht ihr dazu, daran zu arbeiten und sie ''loszuwerden'' ?

    Ich fand alleine dieser Aspekt einfach normale Portionen zu essen oder dahin geführt zu werden, in der Klinik, ziemlich unsinnig.
    Klar isst man dann aber das macht doch das denken und das fühlen nicht besser.
    Die Schuldgefühle, das Ekelgefühl, das Bedürfnis zu erbrechen oder starken Sport zu machen.
    Was soll denn Essen dabei bringen, wenn das Denken und Fühlen nicht besser wird?


    Einige Gedanken in meinem Kopf die ich gerne mit euch teilen und diskutieren würde.
    Ich freue mich über Anregungen von euch !
     
  2. Gast

    Rosa

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    ich muss sagen, dass mir bei diesem Beitrag etwas sehr interessantes auffällt:

    mein ABER hat irgendwie kaum was mit Essen, Nahrung, Kalorien oder Gewicht zu tun. Mein Aber sieht ganz anders aus. Aber:

    - wer bin ich ohne meine Essstörung?
    - wie soll ich diese ganzen Emotionen aushalten, ohne sie irgendwie betäuben zu können?
    - ich habe doch nur da das kleine bisschen Kontrolle

    Echt bemerkenswert.
    Wie ist das denn bei den anderen?
     
  3. Newbie

    Arielle

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    179
    100
    27 Jahre alt
    Dabei seit 26. Dezember 2015
    Mir geht es da sehr ähnlich wie dir, liebe Rosa. Bei mir sind es auch emotionale, tief in der Psyche verwurzelte Mechanismen, die mich glauben lassen, dass ich von der ES nicht loskommen will.
    Ich denke (mal unterbewusster, mal bewusster) Sachen wie:

    - ohne ES bin ich nichts Besonderes mehr
    - ich muss mich diszipliniert fühlen, um mich wertvoll zu fühlen
    - niemand nimmt mich wahr und ernst, wenn ich 'normal' bin
    ...
    teils sind es bei mir aber auch abstrusere oder simplere Sachen, die ein mentales ABER hervorrufen:

    - ohne ES schwitze ich ständig, weil ich normal esse und nicht im Mehr-Verbrennmodus bin
    - ohne ES ist Essen nichts Besonderes mehr
    - ohne ES gebe ich zuviel Geld für Essen aus (stimmt zwar nicht, aber man kann sich viel einreden)
    - ohne ES wird mein Teint schlecht
    - ohne ES wirke ich nicht mehr schutzbedürftig
    ...

    Ich glaube, ich könnte mir tausend Gründe aus den Fingern saugen, die aus meiner zugegebenermassen kranken Sicht dafür sprechen würden, an der ES festzuhalten. Fakt ist aber, dass ich mich vor langer Zeit entschieden habe, nicht mehr magersüchtig zu sein. Ich möchte nicht mehr alles andere, was es auf der Welt gibt, als weniger wichtig empfinden als diese Magersucht. Ich möchte nicht mehr meine Freunde und Familie vernachlässigen und an der Nase herumführen, nur weil ich in meinem eigenen Strudel aus absurden Regeln und manischem Verhalten gefangen bin. Ich will spontan essen können, wenn ich unterwegs bin, ich möchte Dinge unternehmen, auf die ich Lust habe, und nicht im Gym irgendwelche Kalorien abarbeiten müssen, ich will in Essen nicht mehr etwas so übermässig Grosses sehen, das es vermag, mein Leben zu kontrollieren, sondern ich will einfach wieder so essen, wie ich als Kind essen konnte, nach Appettit und Lust und Laune, ohne Zwang und ohne Verzicht. Dahin ist es ein weiter Weg. Ob es überhaupt möglich ist, dahin zu gelangen, weiss ich nicht. Aber lieber kämpfe ich dafür ein Leben lang weiter, als mich wieder gefangen nehmen zu lassen von dieser Sucht, die mich eines Tages umbringen würde.
     
  4. Gast

    Chrystal

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    Hallo liebes Forum,

    ich bin ebenfalls neu hier, möchte aber sehr gern schon antworten.
    Ein Aspekt innerhalb der bereits angelaufenen Diskussion ist mir besonders aufgefallen. Das große ,Aber‘, weiterzumachen, den Schritt nicht wirklich zu wagen heraus aus der Essstörung kenne ich sehr gut. Er hat mich viele Jahre lang begleitet.
    Das ,Aber’, um das es sich (auch) bei mir sehr stark dreht, beziehungsweise gedreht hat, ist das Thema Schutz/ Schutzlosigkeit. ,Aber ....dann wirke (!) ich nicht mehr schutzbedürftig‘. Ich habe innerhalb von einem langen Lernprozess herausfinden können, dass ich an meiner Esssörung gerade deshalb so ab — hing, weil ich fast all meine Energie in ein Bild immenser Schutzlosigkeit projizierte. Und — ergo — auf ,Rettung’ wartete. Ich konstruierte sehr stark das Bild eines hilflosen und scheuen Persönchens mit großem Kullerauge, das allein nichts schafft, immer schwach ist, außerordentlich passiv, und brachte mich damit um jeden guten Job, da das Aufrechterhalten dieser Konstruktion eine Unmenge Kraft erforderte. Ich habe erkennen können warum ich das tue und wie tief die Wurzel für diese Art von ,Notlösung’ war bzw. ist.
    Ich habe erkannt, das die Menschen, die auf diese Konstruktion eingegangen sind (ich beschütze Dich), eben nur die (oberflächliche, dünne) Maske sahen und nicht die echte tiefe seelische Bedürftigkeit dahinter. Denn diese hielt ich vor allen geheim, um besonders stark und besonders unabhängig zu wirken. Dadurch wurde der Frust und die innere Haltlosigkeit und immense innere Leere aber tiefer. Niemand kam daran, und ich war überzeugt: niemand liebt mich.
    Ich habe mich geschämt, aber als ich mir endlich getraut habe, zumindest einen winzigen Teil dieser echten Bedürftigkeit zu zeigen, kam auch echte Nahrung in Form von (echten) Freunden, (echten) Angeboten und (echten) Maßnahmen. Das war der Beginn von (minimaler) Selbstliebe. Und der Weg aus dem ,Aber’ heraus. Was mir fehlte war Mut. Mini Mut. Und der ist heute in mir selbst.
    Und in jedem ,Persönchen‘ angelegt.
    Dies zu erleben hat mir sehr gut getan, und vielleicht einem Leser auch.
    Alles Liebe
    Chrystal
     
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