Zusammenhang zwischen Essstörungen und Schilddrüsenerkrankungen

Dieses Thema im Forum "Diskussionen" wurde erstellt von Obsidian, 22. Juni 2018.

  1. Gast

    Obsidian

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    Hallo,
    ich möchte als ehemals Betroffene darauf aufmerksam machen, dass auch (übersehene) Schilddrüsenfehlfunktionen den Leidensdruck bei einer Essstörung stark erhöhen und einen ein normales Essverhalten und Körpergefühl schwer machen können.

    Zwar ist infolge des Hungerns meines Wissens nach der T3- Spiegel erniedrigt (googelt einfach mal nach Essstörungen und low t3 syndrome), aber man kann auch Läuse und Flöhe haben, sprich zusätzlich eine quasi echte Fehlfunktion der Schilddrüse.

    Da Depressionen/depressive Verstimmungen, Gewichtsprobleme (z. B. Zunehmen bei normalem Essen; Wassereinlagerungen, nicht oder nur wenig abnehmen trotz Sport und wenig Essen) und "Appetitstörungen (Heißhunger usw.) leider eben gerade auch Faktoren sind, die das Abrutschen oder Aufrechterhalten einer Essstörung begünstigen können, dürfte das denke ich für den ein oder anderen hier interessant sein zu wissen, dass all sowas auch durch eine Fehlfunktion der Schilddrüse ausgelöst werden kann. Von Ärzten wird das leider oft übersehen, nicht nur bei bereits als essgestört bekannten Menschen.

    Der TSH gilt nach neuerem Wissensstand bereits ab 2 - 2,5 als auffällig, vor allem wenn Beschwerden bestehen. Um die Beschwerden einer Unterfunktion zu haben, müssen ft3 und ft4 nicht erst unter dem Normbereich fallen. Vor allem nicht, wenn man wie ich eine Autoimmunerkrankung namens Hashimoto hat. Leider ist das immer noch recht vielen Ärzten unbekannt und viele Labore arbeiten mit veralteten, zu weit gefassten Normwerten beim TSH.

    Ich möchte das einfach mal für die, die das evtl. interessieren könnte, publik machen.

    Selbst war ich ca. von 17 - 26 Jahre mehr oder weniger stark essgestört, die meiste Zeit anorektisch, später mit Übergeben. Letztlich ist mit 26/27 durch Zufall herausgekommen, dass ich seit ca. meinem 15/16 Lebensjahr an einer Unterfunktion der Schilddrüse litt. Ausgelöst durch eine Autoimmunerkrankung, die verursacht, dass mein Immunsystem meine Schilddrüse angreift und schleichend nach und nach zerstört. Bei mir waren die Depressionen (die von der Unterfunktion kamen, wie ich heutzutage weiß) der Einsteig in die Esstörung später, weil das Hungern die Stimmung gebessert hat sowie die Antriebslosigkeit und weil ich latent suizidal war (daneben hatte ich noch andere Beschwerden, die seit der Einstellung und Behandlung der Schilddrüse endlich weg sind).

    Mir geht es heutzutage inzwischen sehr gut und ich habe keinerlei Probleme mehr mit Heißhunger, Wassereinlagerungen, Suizidgedanken usw. und kann praktisch wirklich essen, was ich will, und habe gleichwohl die sehr schlanke Figur, mit der ich mich glücklich fühle. Das hätte ich nie gedacht und hätte nie damit gerechnet, dass eine richtig funktionierende Schilddrüse soviel ausmachen kann. Tabletten für die Schilddrüse werde ich bis an mein Lebensende nehmen müssen und die Dosierung muss auch regelmäßig kontrolliert und ggf. nachdosiert werden (die Schilddrüse wird bei mir eben kleiner letztlich und brennt immer mehr aus), ich habe auch eine Histaminintoleranz entwickelt, mit der ich inzwischen aber sehr gut zurecht komme und auch essenstechnisch nicht allzu sehr eingeschränkt bin und durch die Autoimmunerkrankung nehme ich Nährstoffe schlechter auf, weshalb ich Vitamine und Eisen supplementiere, wie viele mit Hashimoto.

    Aber ich habe ein ganz neues Körpergefühl und mein Appetit ist normal geworden, die Heißhungerattacken sind verschwunden. Meine Beine sind auch schlanker geworden, weil ich durch die Unterfunktion zu Wassereinlagerungen geneigt habe und auch wenn das nicht im zweistelligen kg-Bereich war von der Menge, macht das doch sehr viel aus. Wenn die Schilddrüse nicht behandelt worden wäre, hätte ich es ehrlich gesagt nie aus dem essgestörten Verhalten geschafft oder hätte nur die Wahl zwischen Pest (mit den Beschwerden leben, normal essen und unglücklich sein mit meinem Körper) oder Cholera (Hungern, Fressanfälle, Gewichtsschwankungen aber immerhin Dank des Hungerns eine halbwegs passable Figur) gehabt. Wenn ich offen gesagt habe, dass ich von "normalen Mengen" zunehme und im Vergleich zum Oberkörper auffällig stämmigere Beine habe, wurde das entweder als typisch essgestörte überzogene Wahrnehmung abgetan oder es hieß lapidar, dass mein Setpoint dann eben höher wäre als das mein Figurideal vorsehen würde. Bei den Beinen waren es übrigens Wassereinlagerungen. Deshalb waren die auch mit wenig Gewicht "schwabbelig". Das ist komplett weg.

    Heutzutage habe ich keinerlei Probleme mit dem Gewichthalten und muss wenn eher darauf achten, nicht abzunehmen. Mein Bmi liegt bei 18 - 18,6. Eine Überfunktion der Schilddrüse durch die Medikamente habe ich aber auch nicht, mein körper funktioniert endlich mal normal. Essen macht mir inzwischen wieder richtig Spaß und ich muss keinen Heißhungeranfall befürchten und mein Körper "spinnt" nicht mehr. Kurz: Ich bin sehr glücklich heutzutage. :)

    Ich kann jedem nur raten, die Schilddrüse kontrollieren zu lassen und selbst darauf zu achten, ob man typische Beschwerden und auffällige Schilddrüsenwerte hat. Mir wurde noch lange mit TSH-Werten von 4,6 bei typischen Beschwerden gesagt, dass ich nichts an der Schilddrüse hätte. Meine Werte mussten leider nach Jahren erst komplett abstürzen bis der Arzt endlich die Fehlfunktion und nochmal später die Grundursache Hashimoto erkannt hat. Man wird oft nicht ernst genommen, wenn man schilddrüsentypische Beschwerden hat, aber die Werte in der veralteten Norm sind. Von Hashimoto gibt es auch eine sog. seronegative Verlaufsform, bei der die Antikörper nicht erhöht sind. Davon Betroffene haben es nochmal schwerer richtig behandelt zu werden und damit, dass die Erkrankung bei ihnen erkannt wird. Bei mir waren die Antikörper so gesehen zum Glück erhöht.

    Viele Grüße
     
  2. Gast

    Obsidian

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    Da ich diesen Aspekt etwas sehr verkürzt zusammengefasst habe in meinem Beitrag oben, möchte ich noch hierzu etwas ergänzen:
    "Bei mir waren die Depressionen (die von der Unterfunktion kamen, wie ich heutzutage weiß) der Einsteig in die Esstörung später, weil das Hungern die Stimmung gebessert hat sowie die Antriebslosigkeit und weil ich latent suizidal war"

    Bei mir war es nämlich so, dass mich der Dopaminkick und die anderen Botenstoffe, die beim Zuwenigessen/Hungern ausgeschüttet werden, tatsächlich süchtig gemacht haben. Es ging mir besser, wenn ich gehungert habe. Außerdem hat mich fasziniert, wie sich der Körper verändert durch das Abnehmen. Ich wollte/musste einfach herausfinden, wo die körperlichen Grenzen sind meines Körpers, im wahrsten Sinn. Zugleich war ich latent suizidal, aber ambivalent gegenüber direkten Suizidversuchen. Einfach immer weiter abzunehmen und praktisch herauszufinden, wann Schluss sein wird (bei 45 kg? 40 Kg? 35 kg? 30 ?), begleitet vom Hungerhigh, erschien mir einfach völlig sinnvoll, zum ersten Mal in meinem Leben war ich absolut davon überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Der Sog in die Tiefe, nicht nur gewichtsmäßig, war sehr stark; am stärksten mit meinem Tiefstgewicht, weil es kurz vorm Ziel war - ich hätte nur weitergehen müssen und habe lange später noch damit gehadert, das nicht durchgezogen zu haben. Zwar habe ich es auch so empfunden, dass ich anders als andere kein Lebensrecht hätte (mir das nicht ausreichend erarbeitet hatte im Leben) und habe mich "auf der Welt" grundverkehrt von Innen und am falschen Platz gefühlt oft, aber ich habe mich nicht selbst gehasst und auch meinen Körper nicht gehasst in dem Sinne. Mich stört, dass das als pauschale Wahrheit für alle essgestörten Menschen verkündet wird, dass jeder davon sich selbst hassen würde.

    Mir ging es nicht um ein Schönheitsideal an der Stelle, sondern um eine Mischung aus Selbstwirksamkeit (man verändert seinen Körper durch eigenes Tun), Abgrenzung und sich selbst und die eigenen Grenzen spüren, Sucht nach dem Dopaminkick und Suizid auf Raten.

    Ich hoffe, dass der Zusammenhang zwischen Depression, die der Essstörung bei mir vorausging, so nun etwas klarer geworden ist. Wenn bzw. seitdem die Schilddrüse behandelt wird und gut eingestellt ist, habe ich keinerlei Probleme mit "depressiven Verstimmungen". Damals wußte ich leider nicht, dass meine Verfassung nicht einfach "typisch Pubertät" oder später: Bei mir normal ist, sondern durch die Fehlfunktion der Schilddrüse kam. Es ist einfach wie zwei verschiedene Verfassungs- und Gefühlswelten, wenn ich mein Alter-Ego mit meinem heutigen Zustand vergleiche. Diese innere Glasscheibe vor allem ist endlich weg.
     
  3. Member

    Juni

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    Dabei seit 5. Juni 2010
    Hallo Obsidian. *huhu*

    Danke dafür. :)

    Ich denke unabhängig von der ES, sollte jeder Mensch seine Schilddrüsenwerte checken lassen, gerade wenn er bestimmte, scheinbar unerklärliche Symptome feststellt oder die Problematik in der Familie liegt. Ich will ja hoffen, dass Ärzte das automatisch abklären.

    Es ist sicher wahnsinnig schön und erleichternd eine Erklärung für Probleme zu haben, die das Leben so viele Jahre lang beeinträchtigt haben. Bei mir war es ähnlich, als ich von Asperger erfahren habe. Es hat so vieles erklärt und viele unnötige Diagnosen als Schwachsinn entlarvt.

    Grundsätzlich ist es sicher sinnvoll, auch Ärzte und Diagnosen infrage zu stellen, wenn man ein Problem hat, dem man scheinbar nicht entfliehen kann.

    Ehrlich gesagt wäre es für mich traumhaft, wenn meine ES eine medizinische Ursache hätte. Einfach Medikamente nehmen und alles ist gut. Wow, wenn ich mir das vorstelle, fangen meine Augen an zu tränen. Wenn sich diese Hölle einfach so abstellen ließe und ich normal leben könnte.

    Ich freue mich für dich, dass sich das so herausgestellt hat und du nun ein gesünderes Leben führen darfst.

    Und doch fällt mir jetzt keiner ein, bei dem das nicht zu einem gewissen Maß zutrifft. *grübel*
    Vielleicht ist da der Unterschied zwischen medizinischer und psychischer Ursache?
     
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  4. Admiss

    Marii

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    Dabei seit 20. März 2007
    Hallo Obsidian,

    danke für deinen interessanten Beitrag. *blumeschenk*

    Ich selbst habe auch Hashimoto, hatte diese Krankheit schon viel früher als meine Essstörung. Bei mir wurde Hashi schon mit 14 diagnostiziert. Bin da zum Glück zu einem guten Arzt gekommen, der diese Autoimmunerkrankung ziemlich schnell festgestellt hat. So wie du beschreibst ist es leider oft, dass die Ärzte erst Jahre später die Diagnose Hashimoto Thyreoiditis stellen.

    Das freut mich sehr zu lesen, hoffentlich kannst du das auch in Zukunft so beibehalten. Gerade die Schilddrüse hat eine große Auswirkung auf die Psyche und vor allem auf den Stoffwechseln. 2009 war ich falsch eingstellt und habe innerhalb von 6 Monaten fast 20 Kilo zugenommen - und das obwohl ich kaum etwas gegessen habe. War keine leichte Zeit, mittlerweile kann ich darüber lachen. Mir geht es wieder richtig gut und das mit dem Gewicht pendelt sich auch ein, wobei ich schon noch Heißhungerattacken habe. Das hängt aber wahrscheinlich auch mit den Hormonen (Periode zB :D) zusammen.

    Alles Liebe,
    Marii
    *wop-rose*
     
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